07.04.2018

Münster: Ein erweiterter Suizid am Kiepenkerl-Platz

Am Nachmittag des 7. April 2018, einem sonnigen Samstag, steuerte ein Mann seinen silbergrauen Campingbus vom Typ VW California in die Außenterrasse einer Gaststätte am Kiepenkerl-Denkmal, mitten im historischen Zentrum Münsters. Vier Menschen starben, mehr als 20 wurden zum Teil schwer verletzt, sechs davon lebensgefährlich. Unmittelbar nach der Tat erschoss sich der Täter selbst.

Der Tathergang

Gegen 15:27 Uhr lenkte der zur Tatzeit 48-jährige Mann sein Fahrzeug in die Menschenmenge, die sich bei schönem Wetter auf der Außenterrasse des Restaurants "Großer Kiepenkerl" versammelt hatte – einem belebten Platz mitten in der Fußgängerzone, umgeben von historischen Giebelhäusern. Unter den Todesopfern waren eine 51-jährige Frau aus dem Kreis Lüneburg und ein 65-jähriger Mann aus dem Kreis Borken. Der Täter, aus Münster selbst stammend, richtete nach der Tat die Waffe gegen sich selbst.

Die ersten chaotischen Stunden

In den ersten Stunden nach der Tat herrschte erhebliche Unsicherheit über Hintergrund und Ausmaß des Geschehens. Einzelne Fernsehsender berichteten zunächst live über angeblich geflohene weitere Täter und im Fahrzeug deponierte Sprengsätze; die Polizei musste ausdrücklich davor warnen, unbestätigte Spekulationen zu verbreiten. Bei der ersten Untersuchung des Tatfahrzeugs fanden Ermittler tatsächlich Drähte im Fahrzeuginneren und gingen zunächst vorsorglich von einem gefährlichen Gegenstand aus. Wenige Stunden später sprengten Einsatzkräfte die Wohnungstür des mutmaßlichen Täters auf und fanden dort eine unbrauchbar gemachte Maschinenpistole sowie Knallkörper.

Bemerkenswert war auch die mediale Reaktion, sobald bekannt wurde, dass es sich beim Täter um einen gebürtigen Deutschen handelte: Ein zuvor unter dem Eindruck möglicher islamistischer Motive verfasster Tweet eines Journalisten wurde daraufhin gelöscht – ein kleines, aber vielsagendes Detail dafür, wie unterschiedlich öffentliche Reaktionen mitunter je nach vermuteter Täterherkunft ausfallen.

Kein politisches Motiv – ein erweiterter Suizid

Die Ermittlungen konzentrierten sich schon bald auf das Bewegungsprofil und die persönlichen Umstände des Täters in den Wochen vor der Tat. Die Polizei teilte mit, dass sich Hinweise verdichteten, wonach der Mann psychisch labil und suizidgefährdet gewesen sei. Einen politischen oder extremistischen Hintergrund schlossen die Ermittlungsbehörden nach Abschluss ihrer Untersuchungen aus. Die Tat wird heute übereinstimmend als sogenannter erweiterter Suizid eingeordnet – ein Fall, bei dem eine Person vor der eigenen Selbsttötung gezielt weitere Menschen mit in den Tod reißt.

Die Reaktion der Stadtgesellschaft

Der damalige Außenminister Heiko Maas zeigte sich noch am Tag der Tat öffentlich erschüttert und sprach den Opfern und ihren Familien sein Mitgefühl aus. In Münster selbst organisierten Stadt, Bistum sowie evangelische und katholische Kirchengemeinden in bemerkenswert kurzer Zeit ein koordiniertes Netz aus Notfallseelsorge und Betreuungsangeboten für Betroffene. Der Kiepenkerl-Platz wurde in den Tagen nach der Tat zu einem spontanen Ort des Gedenkens; ein Jahr später luden die Kirchen der Stadt gemeinsam mit Land und Kommune zu einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in die Lambertikirche ein.

Eine Debatte über die richtige Bezeichnung

Der Fall Münster löste auch eine bis heute anhaltende mediale Debatte darüber aus, wie eine solche Tat korrekt zu benennen sei. Manche Beobachter kritisierten die Verwendung von Begriffen wie "Attentat" oder "Anschlag" als reißerisch und plädierten dafür, angesichts der Motivlage konsequent von einer "Amokfahrt" oder einem "erweiterten Suizid" zu sprechen. Andere verwiesen auf die gängige Definition eines Attentats, wonach auch eine durch psychische Störung motivierte Gewalttat mit dem Ziel, Menschen zu töten, unter diesen Begriff fallen könne. Diese Debatte um die richtige Wortwahl spiegelt ein grundsätzlicheres Spannungsfeld wider, das viele der in unserer Reihe behandelten Fälle betrifft.