08.06.2022

Die Amokfahrt am Kurfürstendamm: Als eine Klassenfahrt zur Tragödie wurde

Am Vormittag des 8. Juni 2022 raste ein Auto auf dem Gehweg zwischen Kurfürstendamm und Tauentzienstraße in mehrere Fußgängergruppen – nur wenige Hundert Meter von jenem Ort entfernt, an dem bereits 2016 der islamistische Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz zwölf Menschen das Leben gekostet hatte. Dieses Mal traf es besonders schwer eine Abschlussklasse aus dem nordhessischen Bad Arolsen, die voller Vorfreude zu einer Klassenfahrt nach Berlin gekommen war.

Der Tathergang

Der Täter, ein damals 29-jähriger, in Armenien geborener Mann mit deutscher Staatsangehörigkeit, steuerte einen Renault Clio seiner älteren Schwester bewusst auf den Gehweg an der Ecke Rankestraße, unweit der Gedächtniskirche. Er fuhr anschließend noch etwa 200 Meter weiter, bevor er im Schaufenster einer Parfümerie zum Stehen kam. Insgesamt wurden mehr als 30 Menschen verletzt, mehrere davon lebensgefährlich.

Am schwersten betroffen war die zehnte Klasse der Kaulbachschule aus Bad Arolsen: Die 51-jährige Lehrerin, die die Gruppe begleitete, starb noch am Tatort. Ein 53-jähriger Lehrer sowie elf Schülerinnen und Schüler wurden zum Teil schwer verletzt, darunter eine 16-Jährige, die mit einem Beckenbruch und einem schweren Schädel-Hirn-Trauma per Rettungshubschrauber in ein Berliner Krankenhaus geflogen werden musste. Auch eine im siebten Monat schwangere Frau sowie zwei weitere erwachsene Männer zählten zu den Opfern.

Kein terroristischer Hintergrund

Bereits kurz nach der Tat stellte die Berliner Staatsanwaltschaft klar, dass keinerlei Anhaltspunkte für einen terroristischen Hintergrund vorlägen – trotz der räumlichen Nähe zum Ort des Anschlags von 2016 und trotz erster, unbegründeter Spekulationen in den Stunden nach der Tat. Stattdessen ging die Anklage von einer psychischen Erkrankung des Täters aus.

Ein im Prozess gehörter psychiatrischer Sachverständiger stellte fest, der Angeklagte leide bereits seit rund zehn Jahren an einer paranoiden Schizophrenie. Entsprechende Medikamente gegen seine Erkrankung wurden auch in seiner Wohnung gefunden. Der Sachverständige kam zu dem Schluss, der Mann sei zum Tatzeitpunkt nicht schuldfähig gewesen.

Der Prozess und das Urteil

Die Staatsanwaltschaft klagte den Mann dennoch wegen vollendeten Mordes aus Heimtücke sowie 16-fachen Mordversuchs an; eine strafrechtliche Verurteilung war angesichts der festgestellten Schuldunfähigkeit jedoch von vornherein nicht das Ziel des Verfahrens. Der Prozess vor dem Landgericht Berlin begann im Februar 2023. Das Gericht folgte letztlich den Anträgen sowohl der Staatsanwaltschaft als auch der Nebenklage: Es ordnete die dauerhafte Unterbringung des mittlerweile 30-Jährigen in einem psychiatrischen Krankenhaus an und entzog ihm für immer die Fahrerlaubnis. Auch der Verteidiger des Angeklagten hatte für eine Unterbringung plädiert, wenngleich er einzelne Mordmerkmale der Anklage infrage stellte.

Die Folgen für Bad Arolsen

Für die kleine nordhessische Stadt Bad Arolsen hinterließ die Tat tiefe Spuren. Der damalige hessische Ministerpräsident Boris Rhein besuchte gemeinsam mit dem Kultusminister noch am Tag der Tat die Kaulbachschule und zeigte sich nach eigenen Worten fassungslos angesichts einer Klassenfahrt, die "voller Freude" begonnen hatte. Landrat Jürgen van der Horst betonte während des späteren Prozesses, wie wichtig den Betroffenen die Frage nach dem Warum sei – auch wenn man ahne, dass einem die Antwort darauf nicht gefallen werde.