08.07.2026


Die "Attentäter-Fanszene": Wenn Amokläufer zu Idolen werden
Zwei Wochen vor seinem Amoklauf an einem Schulzentrum im bayerischen Schongau hatte der jugendliche Täter ein 19-seitiges "Manifest" verfasst – darin äußerte der 16-Jährige unter anderem seine Bewunderung für den rechtsextremen Attentäter von Christchurch, der 2019 bei einem Angriff auf zwei Moscheen in Neuseeland 51 Menschen erschoss und den Tatverlauf live im Internet übertrug. Der Fall Schongau lenkt den Blick auf ein Phänomen, mit dem sich Sicherheitsbehörden zunehmend beschäftigen: eine düstere Online-Subkultur, die Massenmörder wie Popstars verehrt.
Was in Schongau geschah
An einem Schulzentrum im bayerischen Schongau verletzte ein 16-Jähriger zwei Schülerinnen bei einem Angriff schwer, bevor die Polizei mit einem Großaufgebot eingreifen konnte. Der Fall reiht sich in eine Serie ähnlicher Vorfälle ein, die Sicherheitsbehörden zunehmend beunruhigt.
Eine Subkultur mit eigenem Vokabular
Sicherheitsbehörden sprechen im Zusammenhang mit jungen Menschen, die sich mit Attentätern beschäftigen, mittlerweile von einer eigenständigen "Attentäter-Fanszene" beziehungsweise "Terrorgram"-Szene. Innerhalb dieser Szene tauschen sich Mitglieder in Chatgruppen und über Telegram-Kanäle intensiv über vergangene Anschläge, Waffen und Gewalt aus. Das Bayerische Landeskriminalamt kooperiert mittlerweile mit Staatsanwaltschaften in München und Stuttgart, um diese Szene gezielter zu erfassen. Allein im ersten Halbjahr 2022 registrierten Behörden bundesweit rund 650 einschlägige Fälle – eine Zahl, die Sicherheitsexperten als Beleg für ein deutlich unterschätztes Problem werten.
Wer sind die Mitglieder dieser Szene?
Daniela Marckmann, Leiterin der Bayerischen Informationsstelle gegen Extremismus (BIGE), beschreibt die Altersstruktur der Szene als besonders beunruhigend: Die Mitglieder sind sehr jung, oft noch im Teenageralter, isoliert und verzweifelt, dabei jedoch über das Internet eng miteinander vernetzt. Was die Mitglieder eint, ist laut Behördeneinschätzung vor allem ein militanter Akzelerationismus – die Überzeugung, der demokratische Rechtsstaat und die Gesellschaft insgesamt müssten destabilisiert werden, um ihren vermeintlichen Untergang zu beschleunigen.
Ideologisch ist die Szene dabei nicht trennscharf einer einzigen politischen Richtung zuzuordnen. Frühere Chatgruppen richteten sich laut Experten häufig gegen Musliminnen und Muslime, Jüdinnen und Juden, Frauen oder Menschen mit Behinderung. Zunehmend zeigt sich jedoch eine Verschiebung: Der Hass jüngerer Nutzer richtet sich in vielen dokumentierten Fällen inzwischen diffuser gegen die Gesellschaft insgesamt.
Radikalisierung im Verborgenen
Ein zentrales Problem aus Sicht der Ermittlungsbehörden ist die Geschwindigkeit und Unsichtbarkeit, mit der sich Radikalisierung heute vollziehen kann. Nach Angaben von Fachleuten verweigern sich Betroffene zunehmend dem direkten sozialen Umfeld – Zugehörigkeit, Menschlichkeit und Empathiefähigkeit gehen dabei zunehmend verloren. Kennzeichnend sei zudem, dass die Radikalisierung heute weit häufiger im Verborgenen und online stattfindet als früher, wo entsprechende Prozesse eher in sichtbaren Offline-Freundeskreisen beobachtbar waren. Marckmann beschreibt das Grundproblem so: Fehle jungen Menschen die Möglichkeit zu echter gesellschaftlicher Teilhabe, drohe soziale Isolation entsprechende Weltanschauungen erst zu begünstigen.
Warnsignale, die Fachleute identifizieren
Aus der Forschung zu ähnlichen Fällen lassen sich einige wiederkehrende Muster ableiten, auf die Sicherheitsbehörden mittlerweile besonders achten:
Eine auffällige gedankliche Fixierung auf vergangene Amoktaten oder Attentäter, teils bis zur Heldenverehrung
Der Rückzug aus dem realen sozialen Umfeld zugunsten ausschließlich online geführter Kontakte in einschlägigen Gruppen
Das Verfassen sogenannter "Manifeste" oder vergleichbarer schriftlicher Ankündigungen im Vorfeld einer Tat
Ein zunehmend diffuser, nicht mehr klar einer politischen Richtung zuordenbarer Hass auf "die Gesellschaft" insgesamt
Was Fachleute empfehlen
Eine aktuelle Studie aus Baden-Württemberg empfiehlt Behörden ein ganzes Bündel an Maßnahmen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken: mehr Personal in der Jugend- und Schulsozialarbeit, niedrigschwellige Beratungsstellen sowie eine gezielte Sensibilisierung von Fachkräften in der Kinder- und Jugendpsychiatrie für Anzeichen dieser spezifischen Radikalisierungsform. Auch die Sicherheitsbehörden selbst räumen ein, zusätzliches, spezialisiertes Personal zu benötigen, um mit dem Wachstum der Szene Schritt zu halten.
Gleichzeitig mahnen Fachleute zur Vorsicht bei der öffentlichen Debatte: Es gehe nicht darum, jugendliche Mediennutzung oder Social-Media-Konsum pauschal zu verteufeln – schnelle, einfache Antworten würden der Komplexität des Phänomens nicht gerecht. Auch eine rein netzpolitische Betrachtung greife zu kurz, da die Radikalisierung selbst kein reines Online-Phänomen sei.
Warum dieses Thema Beachtung verdient
Der Fall Schongau zeigt exemplarisch, wie sich eine online organisierte, extrem junge und stark vernetzte Subkultur der Gewaltverehrung zunehmend von klar erkennbaren ideologischen Mustern löst und zu einer eigenständigen, schwer greifbaren Gefährdungsform wird. Für Eltern, Schulen und Sicherheitsbehörden liegt die eigentliche Herausforderung darin, Anzeichen einer solchen Radikalisierung frühzeitig zu erkennen – lange bevor sich eine gedankliche Fixierung auf Gewalt in eine tatsächliche Tat verwandelt.
