11.07.2026


Fünf Minuten lang rechnete eine 18-Jährige bei ihrer eigenen Abiturfeier mit Schule und Lehrern ab – und beendete ihre Rede mit den Worten "Fickt euch einfach nur alle!". Das Video ging bundesweit viral. Eine Durchfallquote von 35 Prozent an einem einzelnen Gymnasium – und ein bundesweites Problem, das diesen Einzelfall in ein größeres Licht rückt.
Der Auslöser
Am Robert-Stock-Gymnasium im mecklenburg-vorpommerschen Hagenow bestanden von 52 Abiturienten nur 33 die Prüfungen – 18 fielen durch, ein weiterer wurde aufgrund seiner Vornoten gar nicht erst zugelassen. Die Quote liegt damit deutlich über dem Landesdurchschnitt von rund sieben Prozent der vergangenen Jahre. Die Rednerin Ellenor Bockentin gehörte selbst zu den Durchgefallenen, obwohl sie nach eigener Vorberechnung mit einem Schnitt von 2,6 gerechnet hatte. In ihrer Rede warf sie der Schule vor: ständigen Lehrerwechsel, zwei Jahre ohne verlässlichen Mathematikunterricht, in beiden Grundkursen habe rund die Hälfte der Schüler in der Prüfung null Punkte erzielt.
Widerspruch der Schulbehörde
Das zuständige Schulamt weist die Darstellung in einem zentralen Punkt zurück: In den Fächern Mathematik, Deutsch und Geschichte habe es keinen Lehrerwechsel gegeben. Längere Krankheitsphasen seien durch die Digitale Landesschule, reaktivierte pensionierte Lehrkräfte, externe Vertretungslehrkräfte und Kurszusammenlegungen aufgefangen worden. Bemerkenswert ist zugleich die Reaktion des Ministeriums auf die Rede selbst: Die "Beschimpfungen und Verunglimpfungen" seien wohl dem Umstand geschuldet, dass die Schülerin die Prüfung nicht bestanden habe – eine Formulierung, die den Fokus eher auf die Enttäuschung der Rednerin lenkt als auf die von ihr aufgeworfenen strukturellen Fragen. Eine gründliche interne und externe Evaluation der Schule wurde inzwischen dennoch angekündigt.
Differenzierter äußert sich die Vorsitzende des Schulelternrats, Tina Schorcht: Sie sieht in Lehrermangel und Digitalisierung landesweite "Baustellen", hält die Ursachen der Hagenower Durchfallquote aber für vielschichtiger als eine einzelne, monokausale Erklärung.
Der Blick aufs große Ganze: Ist der Lehrermangel real?
Genau hier lohnt sich der Blick über Hagenow hinaus – denn die Zahlen zum bundesweiten Lehrkräftemangel sind eindeutig dokumentiert, unabhängig davon, wie der Einzelfall am Robert-Stock-Gymnasium am Ende bewertet wird:


- Die Kultusministerkonferenz (KMK) rechnet bis 2035 mit rund 49.000 fehlenden Lehrkräften bundesweit
- Für das laufende Schuljahr 2025/26 geht das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) von bereits rund 35.000 fehlenden Lehrkräften aus
- Besonders betroffen sind MINT-Fächer – also exakt der Bereich, den die Hagenower Abiturientin als Schwachstelle benennt –, dazu Sekundarstufe I, berufliche Schulen und Sonderpädagogik
- Ostdeutsche Bundesländer sind überproportional betroffen, was Mecklenburg-Vorpommern strukturell in eine besonders angespannte Ausgangslage bringt
- Der Anteil an Quer- und Seiteneinsteigern ohne klassisches Lehramtsstudium hat sich in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt; in Brandenburg und Sachsen-Anhalt erfolgte 2024 fast jede zweite Neueinstellung auf diesem Weg
- Ursächlich sind unter anderem eine ungünstige Altersstruktur des Lehrpersonals (mehr als ein Drittel ist über 50 Jahre alt) sowie steigende Schülerzahlen infolge eines Geburtenanstiegs in den 2010er-Jahren
Ein Einzelfall mit System-Relevanz
Der Fall Hagenow lässt sich damit weder als reiner Ausrutscher einer frustrierten Abiturientin abtun, wie es die Reaktion des Ministeriums nahelegt, noch monokausal allein auf den Lehrermangel zurückführen, wie es die Elternratsvorsitzende zu Recht relativiert. Was bleibt, ist ein Muster, das wir in dieser Reihe wiederholt beobachten: Ein strukturelles, bundesweit dokumentiertes Problem – hier der Lehrkräftemangel – trifft an einem konkreten Ort auf eine besonders ungünstige Konstellation und wird dann sichtbar, wenn ein einzelner, öffentlichkeitswirksamer Moment das Thema aus dem Verwaltungsbericht in die Boulevardpresse hebt. Die eigentliche Frage, die bleibt, lautet nicht "War die Wortwahl angemessen?", sondern: Wie viele Jahrgänge in strukturell schwachen Regionen erleben eine vergleichbare Unterversorgung, ohne dass eine einzelne Schülerin den Mut findet, das öffentlich zu benennen?
