76 Pleiten am Tag


Manche Zahlen brauchen keine Interpretation, um alarmierend zu wirken. Im April 2026 meldeten deutsche Amtsgerichte 2.276 beantragte Unternehmensinsolvenzen – der höchste Stand seit 14 Jahren. Umgerechnet gehen in Deutschland derzeit täglich rund 76 Firmen pleite.
Die Zahlen im Detail
Das Statistische Bundesamt (Destatis) bestätigt: Im April 2026 lag die Zahl der Unternehmensinsolvenzen 7,1 Prozent über dem Vorjahresmonat. Betrachtet man den Zeitraum von Januar bis April insgesamt, wurden 8.551 beantragte Unternehmensinsolvenzen registriert – ein Anstieg von 6,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Bezogen auf je 10.000 Unternehmen ergibt das eine Insolvenzhäufigkeit von 24,1 Fällen.
Besonders betroffen sind:
- Verkehr und Lagerei: 43,9 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen – der höchste Wert aller Branchen
- Gastgewerbe: 41,2 Fälle je 10.000 Unternehmen
- Baugewerbe: 35,6 Fälle je 10.000 Unternehmen
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) bezeichnete die Entwicklung als "weiteren traurigen Rekord". Mittelstandsexperte Marc Evers vom DIHK verwies auf eine noch beunruhigendere Kennzahl abseits der reinen Insolvenzstatistik: Mittlerweile kämpfe jedes fünfte Unternehmen in Deutschland mit Liquiditätsengpässen – bei kleinen und mittleren Betrieben mit bis zu 20 Beschäftigten liege dieser Anteil sogar bei 23 Prozent.
Ein auf den ersten Blick widersprüchliches Detail
Interessant ist ein Detail, das leicht zu Fehlinterpretationen einlädt: Obwohl die Zahl der Insolvenzen steigt, sanken die von den Gläubigern angemeldeten Forderungen im Vergleichszeitraum deutlich – von rund 22,5 Milliarden Euro (Januar bis April 2025) auf rund 13,9 Milliarden Euro (Januar bis April 2026). Das bedeutet nicht, dass die Krise sich entspannt. Destatis erklärt den Rückgang damit, dass im Vorjahreszeitraum schlicht mehr wirtschaftlich bedeutende Großunternehmen Insolvenz angemeldet hatten. Die aktuelle Welle trifft also in besonderem Maße kleinere und mittlere Betriebe – zahlenmäßig mehr Fälle, aber mit im Schnitt geringerem Forderungsvolumen pro Fall.
Auch private Haushalte unter Druck
Die Krise beschränkt sich nicht auf Unternehmen. Auch Privatpersonen geraten zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten: Im April 2026 wurden 6.488 Verbraucherinsolvenzen gezählt, 2,5 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Von Januar bis April insgesamt waren es 26.167 Verbraucherinsolvenzen – ein Anstieg von 5,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Was die Betroffenen selbst fordern
Der Verband der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID) wertet die Zahlen als klaren Beleg für ein schwieriges wirtschaftliches Umfeld für Unternehmen. DIHK-Experte Evers nannte konkrete Forderungen: spürbare Entlastungen bei Arbeits- und Energiekosten, mehr Bürokratieabbau sowie schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren. Bemerkenswert ist seine Kritik am jüngst beschlossenen Reformpaket der Bundesregierung: Es enthalte zwar durchaus positive Ansätze, die darin vorgesehenen Steuererhöhungen bei der Einkommensteuer bezeichnete er jedoch als herbe Enttäuschung, da sie gerade den ohnehin schon finanziell angespannten Mittelstand zusätzlich belasteten und ihm Mittel für Investitionen, Innovation und Beschäftigung entzögen.
