Charles Deville Wells: Der Hochstapler, der zur Roulette-Legende wurde

Michael Schönherr

9/4/2026

Im letzten Beitrag unserer Reihe haben wir bereits erwähnt, dass der berühmte Song "The Man Who Broke the Bank at Monte Carlo" vermutlich nicht dem seriösen Ingenieur Joseph Jagger gewidmet war, sondern einer weit zwielichtigeren Figur: Charles Deville Wells. Seine Geschichte zeigt eindrücklich, wie schnell aus einem notorischen Betrüger eine romantisierte Legende des Glücksspiels werden kann – und wie wenig diese Legende mit der eigentlichen Wahrheit zu tun hatte.

Ein Leben zwischen Erfindung und Betrug

Charles De Ville Wells wurde 1841 im englischen Broxbourne als Sohn des Dichters und Juristen Charles Jeremiah Wells geboren, dem einst kein Geringerer als John Keats ein Sonett gewidmet hatte. Bereits wenige Wochen nach seiner Geburt zog die Familie nach Frankreich, wo Wells unter anderem in Marseille aufwuchs. Als Erwachsener versuchte er sich zunächst als Ingenieur: In den 1860er-Jahren behauptete er, in Marseille eine Vorrichtung zur Regulierung der Propellergeschwindigkeit von Schiffen entwickelt zu haben, die er für umgerechnet mehrere Zehntausend Euro nach heutigem Wert verkaufte. Anschließend zog er nach Paris, sammelte per Crowdfunding-ähnlicher Kampagne Geld für den angeblichen Bau einer neuen Eisenbahnstrecke am Pas-de-Calais ein – und verschwand kurz darauf spurlos mit dem eingesammelten Kapital nach Großbritannien.

In England setzte Wells sein zweifelhaftes Geschäftsmodell systematisch fort: Über zahllose Zeitungsannoncen suchte er Investoren für vermeintliche Erfindungen und Geschäftsideen, was ihm den Spitznamen "König der Kleinanzeigen" einbrachte. Historiker gehen heute davon aus, dass er auf diese Weise eines der frühesten dokumentierten Ponzi-System-artigen Betrugsmodelle betrieb – Jahrzehnte bevor der Begriff durch Charles Ponzi überhaupt geprägt wurde.

Der große Coup in Monte Carlo

Im Sommer 1891 reiste Wells mit einem Startkapital von rund 4.000 Pfund – vermutlich Geld seiner betrogenen Investoren – nach Monte Carlo. Über mehrere Tage hinweg spielte er ausdauernd Roulette in der dortigen Spielbank und soll dabei unter anderem eine Serie von 23 bis 26 Gewinnen bei 30 aufeinanderfolgenden Spins erzielt haben – eine statistisch außergewöhnliche Glückssträhne. Am Ende seines Aufenthalts hatte er das Startkapital auf über eine Million Francs vervielfacht, umgerechnet nach heutigem Wert mehrere Millionen Euro. Mehrfach musste die Spielbank während seiner Sitzungen sogar die Reservekasse an seinem Tisch auffüllen – jenes Ritual, das im 19. Jahrhundert als "Bankbruch" bezeichnet wurde und Wells seinen bleibenden Beinamen einbrachte.

Wie genau Wells seine Gewinnserie erzielte, bleibt bis heute ungeklärt. Zeitgenössische wie spätere Beobachter halten reines Glück in Kombination mit einem riskanten Wettsystem auf einfache Chancen für die wahrscheinlichste Erklärung – ein angeblich "unfehlbares System", wie Wells selbst später behauptete, gilt unter Historikern als unwahrscheinlich und, falls es existierte, vermutlich ohnehin unlauter.

Der Fall folgt schnell

Der Erfolg währte nicht lange. Bei einem erneuten Besuch im Januar 1892 verlor Wells rund 100.000 Francs und konnte seine früheren Gewinne nie wieder wiederholen. Noch im selben Jahr wurde er in Le Havre an Bord seiner luxuriösen Yacht "Palais Royal" verhaftet – finanziert nicht zuletzt durch seine Betrugserlöse – und nach Großbritannien ausgeliefert. Im März 1893 wurde er vor dem berühmten Old-Bailey-Gericht in 23 Anklagepunkten wegen Betrugs schuldig gesprochen und zu acht Jahren Haft verurteilt, von denen er wegen guter Führung sechs absitzen musste.

Bemerkenswert ist eine kleine Anekdote aus seiner Haftzeit: Kurz vor seiner Entlassung soll Wells ausgerechnet "The Man Who Broke the Bank at Monte Carlo" auf der Orgel der katholischen Gefängniskapelle gespielt haben – der Song, der zu diesem Zeitpunkt bereits zu seinen Ehren durch die britischen Music Halls schallte.

Rückfällig bis zum Schluss

Auch nach seiner Entlassung blieb Wells seinem Muster treu. Unter dem Decknamen "Lucien Rivier" betrieb er in Frankreich ein weiteres, noch größeres Anlagebetrugssystem, das zahlreiche Investoren um beträchtliche Summen brachte. Die französische Polizeibehörde Sûreté fahndete jahrelang nach der wahren Identität hinter diesem Pseudonym, bevor Wells schließlich 1912 in Großbritannien aufgespürt und festgenommen wurde. Ein Pariser Gericht verurteilte ihn im November 1912 zu weiteren fünf Jahren Haft. Sein Betrugsfall war dabei so gravierend, dass die französische Regierung als direkte Konsequenz strengere Kontrollen und Prüfverfahren für private Bankgründer einführte. Über sein Lebensende gibt es widersprüchliche Angaben; die meisten Quellen datieren seinen Tod auf das Jahr 1922.

Vom Betrüger zur populären Legende

Der Song, der Wells' Namen unsterblich machte, wurde 1891 vom Theateragenten Fred Gilbert geschrieben und durch den Music-Hall-Star Charles Coborn populär gemacht, der ihn Berichten zufolge über 250.000 Mal auf Bühnen in aller Welt vortrug. Der eingängige Refrain über den Mann, der "die Bank in Monte Carlo brach", verankerte sich so tief in der britischen Popkultur, dass ihn selbst Jahrzehnte später noch Peter O'Toole in seiner Rolle als Lawrence von Arabien im gleichnamigen Filmklassiker von 1962 anstimmt. Die reale Vorlage – ein notorischer, mehrfach verurteilter Hochstapler – geriet dabei zunehmend in Vergessenheit hinter der romantisierten Ballade vom Mann, der das Glück auf seiner Seite hatte.

Warum Charles Wells für Roulette-Interessierte relevant bleibt

Wells' Geschichte ist ein lehrreiches Gegenstück zu unserem Porträt von Joseph Jagger. Während Jaggers Erfolg auf nachvollziehbarer technischer Beobachtung beruhte, zeigt der Fall Wells, wie schnell Glücksspiel-Folklore reine Zufallsserien mit vermeintlicher Genialität verwechselt – und wie öffentliche Erzählungen dazu neigen, den seriösen Ingenieur zu vergessen und stattdessen den schillernden Hochstapler zur eigentlichen Legende zu machen. Für alle, die sich mit der Geschichte des Roulette beschäftigen, lohnt sich deshalb immer der zweite Blick: Nicht jede spektakuläre Gewinnserie hat eine Methode dahinter – manchmal ist es schlicht Zufall, verpackt in eine gute Geschichte.