"Der Spieler": Dostojewskis Roman über Roulettenburg, geschrieben in 26 Tagen

Nachdem wir uns im letzten Beitrag mit Dostojewskis eigener Spielsucht befasst haben, lohnt sich ein genauerer Blick auf das literarische Werk, das direkt daraus hervorging: der Roman "Der Spieler" – eine der eindringlichsten Schilderungen der Psychologie des Glücksspiels in der gesamten Weltliteratur, und zugleich eines der ungewöhnlichsten Entstehungsgeschichten der Literaturgeschichte.

Ein Roman, der fast nie fertig geworden wäre

Die Umstände, unter denen "Der Spieler" entstand, sind selbst eine Geschichte wert. Dostojewski hatte sich im Sommer 1865 gegenüber seinem Verleger Stellowski vertraglich verpflichtet, bis zum 1. November einen neuen Roman abzuliefern – bei Nichteinhaltung der Frist hätte Stellowski das Recht erhalten, sämtliche zukünftigen Werke Dostojewskis ohne jedes Honorar zu veröffentlichen. Als der Termin näher rückte, hatte Dostojewski noch keine einzige Zeile geschrieben. In letzter Verzweiflung engagierte er die 20-jährige Stenografin Anna Grigorjewna Snitkina, der er den Roman in nur 26 Tagen diktierte.

Als der ausgetrickste Verleger Stellowski kurz vor der Frist aus St. Petersburg abreiste, um die fristgerechte Ablieferung unmöglich zu machen, kam die findige Anna auf eine rettende Idee: Sie ließ das fertige Manuskript offiziell bei einem Notar hinterlegen, wodurch die Lieferfrist formal eingehalten war. Der Roman erschien 1867 – als einziges Werk Dostojewskis, das nicht in Fortsetzungen als Feuilletonroman, sondern am Stück veröffentlicht wurde.

Die Handlung: Ein Familienclan wartet auf eine Erbschaft

Der Roman spielt im fiktiven Kurort Roulettenburg, wo ein hoch verschuldeter russischer General mit seiner Familie, Bekannten und Gläubigern auf die Nachricht vom Tod einer reichen Tante wartet, deren Erbschaft ihn aus seiner finanziellen Notlage retten soll. Der Ich-Erzähler Alexei Iwanowitsch, Hauslehrer im Haushalt des Generals, ist unsterblich in Polina verliebt, die Stieftochter des Generals, die ihn jedoch nur ausnutzt und mit Verachtung straft.

Die Handlung nimmt eine überraschende Wendung, als statt der erwarteten Todesnachricht die Erbtante höchstpersönlich in Roulettenburg auftaucht – kerngesund, resolut und sogleich vom Roulette fasziniert. Sie verspielt binnen weniger Tage einen Großteil ihres Vermögens am Spieltisch und reist wieder ab, womit sämtliche Hoffnungen des Generals zunichtegemacht sind.

Als Polina schließlich ihre Liebe zu Alexei gesteht, eilt dieser sofort ins Casino, um Geld für ihre Schulden zu beschaffen – und gewinnt tatsächlich die enorme Summe von 100.000 Florin. Doch statt das Geld für Polina einzusetzen, verfällt Alexei selbst vollständig der Spielsucht. Polina flieht daraufhin zu einem zurückhaltenden Engländer, während Alexei mit der berechnenden Mademoiselle Blanche nach Paris zieht, die ihn wie ein Schoßtier behandelt und sein Geld verprasst. Am Ende steht Alexei mittellos da, schlägt sich als Lakai durch – und selbst die Nachricht, dass Polina ihn wirklich liebt, kann ihn nicht von seiner Spielsucht losreißen, die inzwischen sein gesamtes Sein beherrscht.

Autobiografische Spuren

Der Roman trägt unverkennbar autobiografische Züge. Für den Namen "Roulettenburg" kommen sowohl Wiesbaden, wo Dostojewski selbst erstmals Roulette spielte, als auch Bad Homburg infrage – interessanterweise werden im Text aber sowohl Homburg als auch Baden-Baden zusätzlich als eigenständige, von Roulettenburg verschiedene Städte erwähnt, was Literaturwissenschaftler als bewusste Verschleierung deuten. Auch die unglückliche Beziehung zwischen Alexei und Polina spiegelt Dostojewskis eigene schmerzhafte Liebe zu Apollinaria Suslowa wider, die ihn während seiner Reisen begleitet und ebenfalls immer wieder verletzt hatte.

Das eigentliche Thema: die Psychologie der Sucht

Was den Roman literarisch so bedeutsam macht, ist weniger die Rahmenhandlung um Erbschaft und Liebesverwicklungen als die präzise, schonungslose Beschreibung der Spielsucht selbst. Dostojewski zeichnet minutiös nach, wie sich bei Alexei eine anfängliche Liebe zu Polina in eine alles verzehrende Gewinnsucht verwandelt – ein psychologisches Porträt, das nur jemand schreiben konnte, der diesen Sog selbst erlebt hatte. Genau diese Authentizität unterscheidet "Der Spieler" von vielen anderen literarischen Darstellungen des Glücksspiels: Hier schreibt kein distanzierter Beobachter, sondern jemand, der die Mechanik der Sucht von innen kannte.

Ein Stoff für Oper und Film

Der Stoff hat zahlreiche Künstler zu Adaptionen inspiriert. Sergei Prokofjew komponierte 1917 eine gleichnamige Oper nach dem Roman. Auch das Kino griff den Stoff immer wieder auf: von einer deutschen Stummfilmversion 1919 über eine Hollywood-Verfilmung 1949 mit Gregory Peck und Ava Gardner in den Hauptrollen bis zu einer französischen Fassung von 1958 mit Gérard Philipe und Liselotte Pulver. Auch im deutschen Fernsehen wurde der Stoff aufgegriffen, zuletzt 2005 mit Hannelore Elsner in der Hauptrolle.

Warum "Der Spieler" für Roulette-Interessierte relevant bleibt

"Der Spieler" ist mehr als ein historisches Kuriosum der Literaturgeschichte. Er liefert eine der genauesten literarischen Analysen dessen, was am Roulettetisch mit einem Menschen psychologisch geschehen kann, wenn Gewinn und Verlust beginnen, alle anderen Lebensbereiche zu verdrängen. Für jeden, der sich mit der Kulturgeschichte des Roulette beschäftigt, ist der Roman eine Pflichtlektüre – nicht wegen seiner mathematischen oder historischen Fakten, sondern wegen seines schonungslosen Blicks auf die menschliche Seite des Spiels.