Die Erfindung des Roulettes: Mythos und mathematische Wahrheit

Kaum ein Casinospiel ist von so viel Legendenbildung umgeben wie das Roulette. Wurde es wirklich von Blaise Pascal erfunden, dem Mitbegründer der Wahrscheinlichkeitstheorie? Die ehrliche Antwort, wie sie auch die mathematikhistorische Fachliteratur gibt, lautet: Wir wissen es nicht genau – und gerade das macht die Geschichte spannend.

Ein Mythos mit Charme

Die populärste Erzählung besagt, Blaise Pascal habe das Roulette im 17. Jahrhundert bei seinen Versuchen erfunden, eine Perpetuum-mobile-Maschine zu konstruieren. Diese Geschichte ist charmant – Pascal war schließlich genau der Mann, der mit seinem Briefwechsel mit Fermat die Wahrscheinlichkeitsrechnung mitbegründete, wie wir im ersten Beitrag dieser Reihe gesehen haben. Es wäre eine schöne Pointe, wenn derselbe Kopf auch das Spiel erfunden hätte, das später zum Paradebeispiel angewandter Wahrscheinlichkeitstheorie werden sollte.

Nur: Belegt ist diese Zuschreibung nicht zweifelsfrei. Wahrscheinlicher ist eine deutlich ältere und internationalere Vorgeschichte.

Die Spur nach China

Ernstzunehmende Hinweise deuten darauf hin, dass eine frühe Form des Glücksrades über Handelswege von China nach Europa gelangte, wo sie sich mit europäischen Rad- und Zahlenspielen vermischte. Das Roulette, wie wir es heute kennen, wäre demnach kein Geniestreich eines einzelnen Erfinders, sondern das Ergebnis einer langsamen, über Jahrhunderte und Kontinente verlaufenden Evolution von Glücksrädern.

Was wir sicher wissen

Zwei Daten stehen historisch fest:

- 1765: In dieser Zeit wurde das Roulette in seiner heute erkennbaren Form in Paris eingeführt.
- 1863: Das Casino von Monte Carlo nahm seinen Betrieb auf – und wurde damit zum Ort, an dem das Roulette seinen Siegeszug als das Glücksspiel der europäischen Oberschicht antrat.

Genau in diesem gesellschaftlichen Umfeld – den Glücksspielsalons des 17. und 18. Jahrhunderts in Frankreich – florierte auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Karten-, Würfel- und eben auch Radspiele waren in den höheren gesellschaftlichen Schichten enorm populär, und genau diese Spiele lieferten den Mathematikern der Zeit die Anschauungsobjekte, an denen sie ihre Theorien entwickelten und testeten.

Eine Randnotiz mit Tiefgang

Es lohnt sich, kurz innezuhalten: Die Wahrscheinlichkeitstheorie und das Roulette sind historisch nicht zwei getrennte Stränge, die sich zufällig kreuzen – sie sind aus demselben gesellschaftlichen Nährboden gewachsen. Pierre-Simon de Laplace selbst, der 1812 die erste präzise mathematische Definition von Wahrscheinlichkeit vorlegte, schrieb sinngemäß, es sei bemerkenswert, dass eine Wissenschaft, die mit der Betrachtung von Glücksspielen begann, zum wichtigsten Gegenstand menschlichen Wissens werden sollte.

Wer sich also heute ernsthaft mit Roulette beschäftigt, tut nichts anderes, als eine über 250 Jahre alte Tradition fortzusetzen, in der Spiel und Mathematik untrennbar miteinander verwoben sind.