Die Spielbank Monte-Carlo: Wie ein Pleite-Casino ein ganzes Land rettete

FORTGESCHRITTENE

Michael Schönherr

Nach unseren Porträts großer Mathematiker widmen wir uns diesmal keiner einzelnen Persönlichkeit, sondern einem Ort – wobei "Ort" fast untertrieben ist. Kaum ein Gebäude ist so eng mit der Geschichte, der Mythologie und auch der Mathematik des Roulette verwoben wie die Spielbank Monte-Carlo. Ihre Geschichte ist zugleich die Geschichte gescheiterter Unternehmer, geldgieriger Waffenhändler, milliardenschwerer Reeder – und eines der berühmtesten Roulette-Coups aller Zeiten.

Eine Rettungsaktion für ein verarmtes Fürstentum

Die Ursprünge reichen bis 1854 zurück, als sich das Fürstentum Monaco dringend nach neuen Einnahmequellen umsehen musste. 1856 vergab Fürst Florestan I. die erste Spielbanklizenz an zwei Franzosen, doch der Start in einer Hafenvilla verlief alles andere als erfolgreich. Es folgte eine geradezu groteske Reihe gescheiterter Betreiber: Ein Nachfolger übernahm die Konzession, wies aber schon ein Jahr später über eine Million Francs Verlust aus. Der nächste Konzessionär blieb ebenfalls erfolglos. Das heute weltberühmte Casino war in seinen ersten Jahren also, mit Verlaub, ein wirtschaftlicher Blindgänger.

François Blanc: Der eigentliche Architekt des Erfolgs

Die Wende kam erst 1863 mit François Blanc, der bereits die Spielbank Bad Homburg zum Erfolg geführt hatte. Blanc erkannte messerscharf, woran es bislang gehapert hatte: An einer katastrophalen Verkehrsanbindung und fehlenden Hotels. Konsequent trieb er den Bau von Hotels, einer Uferstraße und einer Eisenbahnlinie voran. Als 1868 die Bahnlinie eröffnet wurde, schnellten die Besucherzahlen in die Höhe. Ein Jahr später schaffte der monegassische Fürst sämtliche direkten Steuern für seine Bürger ab – finanziert praktisch komplett durch die Einnahmen der Spielbank. Für Jahrzehnte trug allein das Casino den gesamten Staatshaushalt Monacos.

Der Mann, der die Bank sprengte: Joseph Jagger

Für uns als Roulette-Blog ist ein Ereignis aus dem Jahr 1873 besonders bedeutsam: Der britische Ingenieur Joseph Jagger führte in Monte-Carlo eine private Untersuchung durch, ob sich die Roulettekessel tatsächlich statistisch neutral verhielten. Als Ingenieur wusste er, dass mechanische Systeme fehlerhaft sein konnten. Er heuerte sechs Personen an, die jeweils an einem Roulettetisch einen ganzen Tag lang sämtliche Ergebnisse protokollierten. Bei fünf der sechs beobachteten Kessel fand Jagger keine nennenswerten Abweichungen – bei einem sechsten jedoch identifizierte er neun Zahlen, die deutlich häufiger fielen als statistisch zu erwarten gewesen wäre. Mit diesem Wissen soll er zeitweise bis zu 450.000 US-Dollar gewonnen haben. Auch nachdem das Casino Gegenmaßnahmen ergriff und Jagger dadurch eine Verluststrähne erlitt, blieb ihm am Ende ein Gewinn von 325.000 US-Dollar – nach heutiger Kaufkraft ein Vermögen. Dieser Fall gilt bis heute als eines der frühesten und bestdokumentierten Beispiele für echten "Wheel Bias", also eine physisch bedingte Kesselverzerrung.

Ein Waffenhändler übernimmt die Kontrolle

Nach dem Tod François Blancs 1877 führte zunächst seine Witwe Marie Blanc die Geschäfte, bevor die Casino-Leitung schrittweise an die Nachkommen und später an familienfremde Direktoren überging. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs geriet die fürstliche Familie Grimaldi in eine finanzielle Notlage. Fürst Albert I. wandte sich daraufhin an den griechischen Waffenhändler Basil Zaharoff, der ihm ein Darlehen über eine Million Pfund gewährte – im Gegenzug sicherte er sich das Recht, die Spielbank jederzeit übernehmen zu können. Über Strohmänner kaufte Zaharoff systematisch Anteile auf und übernahm 1923 schließlich die Kontrolle über das Unternehmen.

Kriegsjahre und ein zweiter griechischer Milliardär

Bemerkenswert: Während des Zweiten Weltkriegs stand der Betrieb in Monte-Carlo praktisch nie still. Nach der Niederlage Frankreichs entwickelte sich der Ort zum bevorzugten Treffpunkt einer zweifelhaften Mischung aus Kollaborateuren, deutschen und italienischen Geschäftsleuten sowie Wehrmachtsoffizieren im Urlaub, die mit enormen Einsätzen spielten. Die Gewinne des Casinos stiegen von anfänglichen Kriegsverlusten auf beachtliche 106 Millionen Francs in den folgenden Jahren.

Nach dem Krieg geriet die Spielbank erneut in finanzielle Schwierigkeiten – bis 1952 der griechische Reeder Aristoteles Onassis auf den Plan trat. Nachdem ihm ein Mietangebot für ein leerstehendes Gebäude abgelehnt worden war, kaufte der verärgerte Milliardär kurzerhand über Mittelsmänner massenhaft Aktien der Betreibergesellschaft auf und übernahm so faktisch die Kontrolle über das gesamte Unternehmen samt Casino und Hotels. Erst mit der Hochzeit von Fürst Rainier III. und Grace Kelly begann der Betrieb wieder spürbar zu florieren – bevor es in den 1960er-Jahren zum Zerwürfnis zwischen Onassis und dem Fürsten kam, da beide unterschiedliche Vorstellungen von der touristischen Ausrichtung Monacos hatten. Onassis zog sich schließlich zurück.

Vom staatstragenden Monopol zum Nischengeschäft

Heute trägt die Spielbank nur noch etwa 5 Prozent zum monegassischen Staatshaushalt bei – ein gewaltiger Bedeutungsverlust gegenüber den Zeiten, in denen sie den kompletten Haushalt finanzierte. In mehreren Jahren seit der Jahrtausendwende schrieb die Betreibergesellschaft SBM sogar Verluste. Interessant für Zahlenfreunde: Einwohnern Monacos mit monegassischer Staatsbürgerschaft – einschließlich der fürstlichen Familie selbst – ist die Teilnahme am Spielbetrieb bis heute per Gesetz untersagt.

Warum die Spielbank Monte-Carlo für Roulette-Interessierte relevant bleibt

Kaum ein anderer Ort verbindet die glanzvolle Mythologie des Roulette so unmittelbar mit seiner nüchternen mathematischen Realität. Während Monte-Carlo bis heute als Sehnsuchtsort für Glamour und großes Glück gilt, liefert ausgerechnet seine eigene Geschichte mit dem Fall Joseph Jagger eines der frühesten dokumentierten Beispiele dafür, dass echte Vorteile am Roulettetisch nicht aus Aberglauben oder Glückssträhnen entstehen, sondern aus nüchterner, systematischer Beobachtung physischer Unregelmäßigkeiten.