Die Sunk-Cost-Fallacy: Warum "ich habe schon so viel verloren" der falscheste Grund zum Weiterspielen ist

Michael Schönherr

8/22/2026

Nach der Variable-Ratio-Verstärkung widmen wir uns in unserer Reihe zur Psychologie des Glücksspiels einem Denkfehler, der eng mit der bereits behandelten Verlustverfolgung verwandt ist, aber eine eigene, sehr grundsätzliche ökonomische Logik betrifft: die Sunk-Cost-Fallacy, auf Deutsch auch als "Trugschluss der versunkenen Kosten" bezeichnet.

Was versunkene Kosten sind

Der Begriff "Sunk Costs" stammt ursprünglich aus der Betriebswirtschaftslehre und bezeichnet bereits angefallene Kosten – etwa investiertes Geld, Zeit oder Mühe –, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Aus rein ökonomischer Sicht sollten solche bereits "versunkenen" Kosten bei zukünftigen Entscheidungen keinerlei Rolle spielen: Relevant ist einzig, ob eine Entscheidung ausgehend vom aktuellen Zeitpunkt sinnvoll ist – nicht, wie viel man in der Vergangenheit bereits investiert hat. Der Fehlschluss entsteht genau dort, wo Menschen diese eigentlich irrelevanten vergangenen Kosten trotzdem in ihre Entscheidung einfließen lassen.

Wissenschaftlich untersucht wurde dieses Phänomen unter anderem von den Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman, die in den 1970er-Jahren zahlreiche solcher kognitiven Verzerrungen systematisch dokumentierten – eine Forschungsarbeit, für die Kahneman 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Das Prinzip an einem einfachen Beispiel

Ein klassisches Alltagsbeispiel verdeutlicht den Mechanismus: Wer sich ein Kinoticket gekauft hat und nach 15 Minuten merkt, dass der Film enttäuschend ist, sitzt trotzdem oft die restlichen anderthalb Stunden ab – schließlich hat man ja schon dafür bezahlt. Dabei wird übersehen, dass das Geld für das Ticket ohnehin bereits ausgegeben ist, unabhängig davon, ob man den Film zu Ende schaut oder den Saal sofort verlässt. Die einzig relevante Frage lautet: Möchte ich die nächsten anderthalb Stunden meiner Zeit mit diesem Film verbringen – nicht, was ich für das Ticket bezahlt habe.

Wie sich der Trugschluss am Roulettetisch zeigt

Am Roulettetisch nimmt die Sunk-Cost-Fallacy eine besonders folgenreiche Form an. Typische Gedankengänge, die diesem Denkfehler entspringen, lauten etwa:

- "Ich habe heute Abend schon 200 Euro verloren, jetzt kann ich nicht mehr aufhören, ohne wenigstens einen Teil davon zurückzuholen."
- "Ich sitze schon seit drei Stunden hier, das wäre doch Verschwendung, jetzt zu gehen."
- "Ich habe so viel Zeit in die Beobachtung dieses Kessels investiert, jetzt muss ich auch setzen."

In allen Fällen wird eine Entscheidung über die Zukunft – weiterspielen oder aufhören – fälschlicherweise von etwas abhängig gemacht, das bereits unwiderruflich in der Vergangenheit liegt. Die tatsächlich relevante Frage müsste stattdessen lauten: Ist es, ausgehend vom jetzigen Moment und unabhängig von bisherigen Verlusten, eine gute Entscheidung, weiterzuspielen? Für ein Zufallsspiel mit negativem Erwartungswert wie Roulette lautet die nüchterne Antwort darauf unabhängig vom bisherigen Spielverlauf stets: eher nicht.

Die Nähe zur Verlustverfolgung – und der feine Unterschied

Die Sunk-Cost-Fallacy überschneidet sich inhaltlich stark mit der in unserem vorherigen Beitrag behandelten Verlustverfolgung, betont aber einen etwas anderen Aspekt. Während Verlustverfolgung vor allem das aktive Bestreben beschreibt, einen Verlust durch weiteres Spielen gezielt wieder auszugleichen, beschreibt die Sunk-Cost-Fallacy allgemeiner die kognitive Verzerrung, bereits investierte Ressourcen überhaupt als Rechtfertigung für eine Fortsetzung heranzuziehen – selbst wenn dabei gar kein bewusster "Ausgleichsplan" vorliegt, sondern einfach ein diffuses Gefühl, es wäre "Verschwendung", jetzt aufzuhören.

Warum unser Denken so anfällig für diesen Fehler ist

Psychologisch lässt sich die Hartnäckigkeit der Sunk-Cost-Fallacy unter anderem damit erklären, dass Menschen ungern eingestehen, eine Entscheidung – etwa den Beginn einer Spielsitzung oder eine bestimmte Einsatzhöhe – im Nachhinein als Fehler zu bewerten. Das Festhalten an der ursprünglichen Entscheidung erlaubt es, sich nicht unmittelbar mit dem bereits verlorenen Geld und der damit verbundenen Enttäuschung auseinandersetzen zu müssen. Paradoxerweise führt genau dieses Vermeidungsverhalten meist dazu, dass noch mehr Ressourcen verschwendet werden, statt den bereits entstandenen Verlust zu akzeptieren und rechtzeitig einen Schlussstrich zu ziehen.

Der berühmte "Concorde-Effekt

In der Wirtschaftswissenschaft wird die Sunk-Cost-Fallacy gelegentlich auch als "Concorde-Effekt" bezeichnet – benannt nach dem britisch-französischen Überschallflugzeug-Projekt, das trotz früh erkennbarer wirtschaftlicher Aussichtslosigkeit über Jahre weiterfinanziert wurde, unter anderem mit dem Argument, die bereits investierten Milliardensummen dürften nicht "umsonst" gewesen sein. Dasselbe Muster im Kleinformat lässt sich an unzähligen Roulettetischen weltweit beobachten, wenn Spieler eine bereits verlustreiche Sitzung fortsetzen, anstatt die Verluste als endgültig zu akzeptieren.

Was gegen die Sunk-Cost-Fallacy hilft

Der wirksamste Schutz gegen diesen Denkfehler besteht darin, sich die zugrunde liegende Logik bewusst vor Augen zu führen: Bereits ausgegebenes Geld ist – ähnlich wie bei den bereits behandelten unabhängigen Zufallsereignissen – für die Zukunft irrelevant. Ein festes Zeit- oder Verlustlimit, das unabhängig von der aktuellen Gefühlslage im Voraus festgelegt wird, hilft dabei, die Entscheidung zum Aufhören von der emotional aufgeladenen Frage "Wie viel habe ich schon verloren?" zu entkoppeln.

Warum die Sunk-Cost-Fallacy für Roulette-Interessierte relevant bleibt

Die Sunk-Cost-Fallacy zeigt, dass nicht nur falsche Vorstellungen über Zufall und Wahrscheinlichkeit zu problematischem Spielverhalten führen können, sondern auch ganz grundsätzliche menschliche Denkmuster im Umgang mit bereits getroffenen Entscheidungen. Wer versteht, dass vergangene Verluste keinerlei Anspruch auf zukünftigen Ausgleich begründen und für rationale Entscheidungen schlicht irrelevant sind, trifft am Roulettetisch – und darüber hinaus – deutlich bessere Entscheidungen.