Gerolamo Cardano: Der erste Mathematiker, der seine Würfelchancen berechnete


Bevor Pascal und Fermat 1654 ihren berühmten Briefwechsel führten, hatte bereits über hundert Jahre zuvor ein anderer Mann versucht, dem Würfelglück mathematisch auf die Spur zu kommen – und zwar aus höchst eigennützigen Motiven.
Ein Universalgelehrter mit Spielsucht
Gerolamo Cardano (1501–1576) war einer der schillerndsten Charaktere der Renaissance: Arzt, Mathematiker, Astrologe, Philosoph – und ein leidenschaftlicher, um nicht zu sagen unersättlicher Glücksspieler. Als Professor der Medizin genoss er hohes Ansehen, doch seine Nächte verbrachte er häufig am Spieltisch, wo er Karten- und Würfelspiele um Geld spielte.
Diese Leidenschaft brachte ihn jedoch auf eine geniale Idee: Bereits um 1520 begann Cardano, seine Würfelchancen tatsächlich zu berechnen, statt sich blind auf sein Bauchgefühl zu verlassen. Damit war er der erste dokumentierte Fall eines Menschen, der Glücksspiel systematisch mathematisch analysierte – über ein Jahrhundert, bevor Pascal und Fermat die eigentliche Wahrscheinlichkeitstheorie begründeten.
Ein Buch mit zweifelhaften Ratschlägen
Cardano veröffentlichte seine Erkenntnisse später in einem Buch, das neben ernsthaften Berechnungen auch – nun ja – recht unverfrorene Ratschläge enthielt, wie man beim Spiel mogeln könnte. Das schmälert seine mathematische Leistung nicht, wirft aber ein bezeichnendes Licht darauf, wie eng Wahrscheinlichkeitsrechnung von Anfang an mit dem Wunsch verknüpft war, sich im Spiel einen Vorteil zu verschaffen.
Ein Pionier ohne Nachfolger
Das eigentlich Tragische an Cardanos Leistung: Sie blieb weitgehend folgenlos. Seine Berechnungen wurden zu seinen Lebzeiten kaum rezipiert und gerieten in Vergessenheit, bis erst Pascal, Fermat und Huygens ein Jahrhundert später die Wahrscheinlichkeitstheorie unabhängig und systematischer neu aufbauten. Cardano bleibt damit eine faszinierende Fußnote der Mathematikgeschichte – ein Mann, der die richtige Frage stellte, aber zur falschen Zeit lebte, um daraus eine ganze Wissenschaft zu machen.
Die Lehre für uns
Cardanos Geschichte erinnert daran, dass der Wunsch, Zufall zu verstehen und zu quantifizieren, so alt ist wie das Glücksspiel selbst. Was ihm fehlte, war nicht der Instinkt, sondern das mathematische Handwerkszeug seiner Nachfolger – die Konzepte von Wahrscheinlichkeit, Erwartungswert und später den Axiomen, die wir heute als selbstverständlich voraussetzen. Genau dieses Handwerkszeug steht uns heute vollständig zur Verfügung. Die eigentliche Frage lautet also nicht mehr ob man Chancen berechnen kann, sondern wie konsequent man dieses Wissen nutzt.
