Gerolamo Cardano: Der verschuldete Spieler, der die Wahrscheinlichkeit vor allen anderen verstand


Wenn es einen wahren Urvater der Glücksspiel-Mathematik gibt, dann nicht Blaise Pascal, sondern einen weit exzentrischeren und weniger bekannten Charakter: den italienischen Arzt, Mathematiker und Spieler Gerolamo Cardano. Rund hundert Jahre bevor Pascal und Fermat ihren berühmten Briefwechsel über Wahrscheinlichkeiten führten, hatte Cardano die entscheidenden Prinzipien bereits erkannt – aus bitterer finanzieller Notwendigkeit heraus.
Eine schwierige Kindheit, ein widersprüchlicher Charakter
Cardano wurde 1501 in Pavia als uneheliches Kind eines Mailänder Rechtsgelehrten geboren. Seine Kindheit war von Krankheit und Unglück geprägt; drei Halbgeschwister aus einer früheren Verbindung seiner Mutter starben während einer Pestepidemie. Von seinem Vater lernte er früh Mathematik und entwickelte den Wunsch, selbst Gelehrter zu werden. Nach dem Studium in Pavia und Padua promovierte er 1526 in Medizin – allerdings erst im dritten Anlauf, da er sich durch seine Schroffheit und Streitlust bereits als Student viele Feinde geschaffen hatte.
Zeitgenossen beschrieben Cardano als jähzornig, vorlaut und scharfzüngig, zugleich aber als brillanten Redner und gefürchteten Gegner in wissenschaftlichen Disputationen. Er selbst charakterisierte sich in seiner Autobiografie als seltsamen, von ständigen Gedanken geplagten Menschen.
Vom verlorenen Erbe zum professionellen Glücksspieler
Nach dem Tod seines Vaters hatte der junge Cardano sein kleines Erbe rasch aufgebraucht. Um zu überleben, finanzierte er über weite Strecken seines Lebens seinen Unterhalt durch Glücksspiel – Karten, Schach und vor allem Würfel. Diese Leidenschaft wurde zeitweise zur regelrechten Obsession und brachte ihn immer wieder in finanzielle Not. Doch genau aus dieser Notlage heraus entstand sein bedeutendster Beitrag zur Mathematikgeschichte.
Das Buch der Glücksspiele: Wahrscheinlichkeitsrechnung vor Pascal
In seinem Alterswerk "Liber de Ludo Aleae" ("Das Buch der Glücksspiele") legte Cardano die Grundlagen der mathematischen Wahrscheinlichkeitstheorie dar – und zwar rund hundert Jahre, bevor Pascal und Fermat ihre berühmte Korrespondenz zum selben Thema führten. Cardano hatte diese Gesetzmäßigkeiten bereits deutlich früher entdeckt, nutzte sie zunächst aber ausschließlich für sich selbst, um seine eigenen Gewinnchancen beim Spiel realistisch einzuschätzen. Veröffentlicht wurde das Werk erst posthum 1663 in seinen gesammelten Schriften.
Für alle, die sich mit der Mathematik hinter Glücksspielen wie Roulette beschäftigen, ist das eine bemerkenswerte historische Fußnote: Der wohl erste Mensch, der systematisch verstand, wie sich Zufallsereignisse berechnen lassen, war kein distanzierter Theoretiker im Elfenbeinturm, sondern ein Mann, der buchstäblich sein Überleben durch Glücksspiel sicherte und dabei am eigenen Leib erfuhr, wie unerbittlich die Mathematik des Zufalls in der Praxis wirkt.
Ein Universalgelehrter mit enormer Bandbreite
Cardanos Wirken beschränkte sich keineswegs auf Mathematik und Glücksspiel. Er gilt als einer der letzten großen Universalgelehrten der Renaissance und publizierte zu Medizin, Philosophie, Physik, Astronomie, Astrologie, Ingenieurwissenschaften und Traumdeutung. Als Arzt genoss er europaweiten Ruf – er lieferte die erste klinische Beschreibung von Typhus, unterschied als Erster zwischen Syphilis und Gonorrhoe und entwickelte Behandlungskonzepte für Asthma und Tuberkulose, die ihrer Zeit rund 300 Jahre voraus waren. Könige, Kaiser und der Papst boten ihm hochdotierte Stellen als Leibarzt an, die er allesamt ablehnte.
Auch in der reinen Mathematik hinterließ er bleibende Spuren: In seinem Werk "Ars Magna" (1545) veröffentlichte er Lösungsverfahren für Gleichungen dritten und vierten Grades – bis heute als "Cardanische Formeln" bekannt – und gehörte zu den Ersten, die mit komplexen Zahlen rechneten, damals noch als "fingierte Wurzeln" bezeichnet.
Ein Leben zwischen Ruhm, Tragödie und Inquisition
Cardanos Leben war jedoch alles andere als ungetrübt. 1560 wurde sein ältester Sohn hingerichtet, weil er seine Ehefrau vergiftet hatte – ein Schicksalsschlag, von dem sich Cardano nie vollständig erholte. 1570 wurde er zudem ohne Vorwarnung von der Inquisition inhaftiert, vermutlich wegen als ketzerisch eingestufter Passagen in seinen Schriften, etwa einem Horoskop, das er für Jesus erstellt hatte. Nach drei Monaten Haft kam er unter strengen Auflagen frei, durfte fortan nicht mehr publizieren und verbrachte seine letzten Lebensjahre unter kirchlicher Aufsicht in Rom, wo er 1576 starb.
Bezeichnend für den Ruf, den sich Cardano zu Lebzeiten erworben hatte: Nach seinem Tod kursierte die durch nichts belegte Legende, er habe seinen eigenen Todeszeitpunkt vorausgesagt und sich, als dieser verstrich, ohne dass er starb, aus Scham zu Tode gehungert – ein typisches Beispiel für die Anfeindungen, denen er zeitlebens ausgesetzt war.
Warum Cardano für Roulette-Interessierte relevant bleibt
Cardanos Geschichte zeigt eindrücklich, dass die Mathematik des Zufalls keine abstrakte akademische Übung war, sondern aus der ganz praktischen, oft schmerzhaften Erfahrung eines Menschen entstand, der sein Leben lang mit den Konsequenzen von Gewinn und Verlust am Spieltisch rang. Genau diese Doppelrolle – als Spieler, der die Risiken am eigenen Leib erfuhr, und als Mathematiker, der sie als Erster präzise in Zahlen fasste – macht Cardano zu einer der interessantesten historischen Figuren für jeden, der sich seriös mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung hinter Glücksspielen auseinandersetzt.
