Glücksspielstörung: Was hinter der Diagnose steckt


Nach meinen beiden Beiträgen zu Dostojewski und seinem Roman "Der Spieler" liegt ein Blick auf das eigentliche Krankheitsbild nahe, das hinter seiner literarischen Verarbeitung stand. Was Dostojewski im 19. Jahrhundert am eigenen Leib erlebte, ist heute eine klar definierte, anerkannte psychische Erkrankung: die Glücksspielstörung. Für uns als Profis, die sich mit der Faszination und der Mathematik des Roulette beschäftigt, gehört ein sachlicher Blick auf dieses Thema untrennbar dazu.
Wie die Diagnose definiert ist
Die Glücksspielstörung, häufig auch als "pathologisches Spielen" oder umgangssprachlich als "Spielsucht" bezeichnet, ist eine anerkannte psychische Störung. Im internationalen Diagnosesystem ICD-10 wird sie als Störung der Impulskontrolle geführt, im neueren amerikanischen Klassifikationssystem DSM-5 hingegen als eigenständige Abhängigkeitserkrankung eingeordnet – eine Einordnung, die dem Umstand Rechnung trägt, dass exzessives Glücksspielverhalten im Gehirn ähnliche Belohnungsmechanismen aktiviert wie stoffgebundene Süchte.
Kennzeichnend ist die Unfähigkeit Betroffener, dem Impuls zum Glücksspiel zu widerstehen, selbst wenn dadurch erhebliche persönliche, finanzielle oder soziale Schäden entstehen. Zu den zentralen diagnostischen Kriterien zählen unter anderem:
- Starke gedankliche Beschäftigung mit dem Glücksspiel, etwa das Nacherleben vergangener Spielsituationen oder die Planung künftiger Spielunternehmungen
- Die Notwendigkeit, mit immer höheren Einsätzen zu spielen, um die gewünschte Erregung zu erreichen
- Wiederholte erfolglose Versuche, das Spielverhalten einzuschränken oder ganz zu beenden
- Unruhe oder Gereiztheit bei dem Versuch, das Spielen zu reduzieren
- Weiterspielen trotz erkennbarer negativer Konsequenzen für Beruf, Beziehungen oder Finanzen
Diese Merkmale müssen in der Regel über einen Zeitraum von mindestens zwölf Monaten bestehen, damit die Diagnose gestellt werden kann.
Wie viele Menschen betroffen sind
Die aktuellsten Zahlen aus dem Glücksspiel-Survey 2025 zeigen ein differenziertes Bild: Rund 2,5 Prozent der deutschen Bevölkerung zwischen 18 und 70 Jahren erfüllen die Kriterien einer Glücksspielstörung – hochgerechnet etwa 1,4 Millionen Menschen. Weitere 6,3 Prozent, umgerechnet rund 3,5 Millionen Personen, zeigen ein riskantes Spielverhalten, ohne bereits die vollständigen Diagnosekriterien zu erfüllen. Aufgeschlüsselt nach Schweregrad ergeben aktuelle Untersuchungen einen Anteil von etwa 0,6 bis 0,7 Prozent mit einer schweren beziehungsweise mittleren Störung.
Bemerkenswert ist der deutliche Geschlechterunterschied: Männer sind mit rund 3,5 Prozent deutlich häufiger betroffen als Frauen mit etwa 1,1 Prozent. Insgesamt haben laut derselben Erhebung 37,5 Prozent der deutschen Bevölkerung im Jahr 2024 mindestens einmal an einem Glücksspiel um Geld teilgenommen – die überwiegende Mehrheit davon also ohne Anzeichen eines problematischen Verhaltens.
Warum manche Menschen anfälliger sind als andere
Nicht jeder, der gelegentlich Roulette oder andere Glücksspiele spielt, entwickelt eine Störung. Fachleute betonen, dass hierbei – ähnlich wie bei anderen Abhängigkeitserkrankungen – die individuelle Veranlagung eine entscheidende Rolle spielt. Als begünstigende Faktoren gelten unter anderem eine ausgeprägte Impulsivität, bestimmte psychische Vorbelastungen sowie soziale und finanzielle Rahmenbedingungen. Ein unkontrolliertes Spielverhalten führt dabei häufig zunächst zu finanziellen und in der Folge zu psychosozialen Problemen: Kreditaufnahmen, der Verkauf von Eigentum, Schuldgefühle und depressive Verstimmungen können einen Kreislauf in Gang setzen, der das Weiterspielen paradoxerweise noch begünstigt statt es zu beenden.
Ein Thema mit gesellschaftlicher Tragweite
Die Glücksspielstörung ist kein rein individuelles Problem. Untersuchungen aus den USA zeigen etwa, dass ein erheblicher Anteil straffällig gewordener Personen die Kriterien für pathologisches Spielen erfüllt – ein Hinweis darauf, wie weitreichend die Folgen einer unbehandelten Störung sein können, weit über die eigentlichen Spielerinnen und Spieler hinaus.
Was bei Verdacht auf eine Glücksspielstörung hilft
Die gute Nachricht: Eine Glücksspielstörung ist eine gut erforschte, behandelbare Erkrankung. Wer bei sich selbst oder nahestehenden Personen Anzeichen bemerkt – etwa den wiederholten Wunsch, das Spielen einzuschränken, ohne dass dies gelingt, oder finanzielle Probleme durch das Spielverhalten –, sollte sich nicht scheuen, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Erste, kostenlose und anonyme Anlaufstellen in Deutschland sind:
- Die BZgA-Telefonberatung zur Glücksspielsucht: 0800 137 27 00 (kostenlos, anonym)
- Die Beratungsangebote der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL)
- Örtliche Suchtberatungsstellen, die auch spezialisierte Beratung zu Glücksspielproblemen anbieten
