Komplexitätstheorie: Gibt es „mehr" oder „weniger" Zufall?
Michael Schönherr
8/27/2026


Kolmogorows Axiome von 1933 haben die Wahrscheinlichkeitstheorie auf ein solides Fundament gestellt – doch sie beantworten eine faszinierende Frage nicht: Sind eigentlich alle "zufälligen" Ereignisfolgen gleich zufällig? Diese Frage klingt zunächst seltsam. Ist Zufall nicht einfach Zufall? Die Antwort der Mathematik lautet überraschenderweise: Nein – und genau hier setzt die algorithmische Komplexitätstheorie an, die einige Jahrzehnte nach Kolmogorows Axiomen entstand.
Ein Gedankenexperiment mit Münzwürfen
Stellen Sie sich zwei Ergebnisfolgen von jeweils 20 Münzwürfen vor:
- Folge A: Kopf, Zahl, Kopf, Zahl, Kopf, Zahl … (perfekt alternierend)
- Folge B: Kopf, Kopf, Zahl, Kopf, Zahl, Zahl, Zahl, Kopf … (unregelmäßig, ohne erkennbares Muster)
Rein wahrscheinlichkeitstheoretisch betrachtet sind beide Folgen exakt gleich wahrscheinlich – jede spezifische Folge von 20 Würfen hat dieselbe Chance von 1 zu 2²⁰. Und doch empfindet praktisch jeder Mensch instinktiv, dass Folge B "zufälliger wirkt" als Folge A. Ist dieses Gefühl bloß eine kognitive Täuschung, oder steckt mathematische Substanz dahinter?
Die Idee der algorithmischen Komplexität
Genau hier setzt die Komplexitätstheorie an, maßgeblich entwickelt von Andrei Kolmogorow selbst sowie unabhängig von Ray Solomonoff und Gregory Chaitin. Ihre zentrale Idee: Man misst die "Zufälligkeit" einer Folge nicht über ihre Wahrscheinlichkeit, sondern über die Länge des kürzesten Programms (oder der kürzesten Beschreibung), das nötig ist, um genau diese Folge zu erzeugen.
Folge A lässt sich extrem kurz beschreiben: "Wiederhole Kopf-Zahl zehnmal." Folge B dagegen lässt sich – sofern sie tatsächlich unregelmäßig ist – kaum kürzer beschreiben als durch das schlichte Aufschreiben aller 20 Ergebnisse selbst. Eine Folge gilt in diesem Sinne als "wirklich zufällig" (man spricht auch von Kolmogorow-komplex), wenn es keine wesentlich kürzere Beschreibung für sie gibt als sie selbst.
Warum das mehr als Spielerei ist
Diese Unterscheidung zwischen Wahrscheinlichkeit und Komplexität hat weitreichende Konsequenzen. Sie erklärt zum Beispiel, warum uns bestimmte Zahlenfolgen – etwa lange Serien derselben Farbe beim Roulette – "verdächtig" vorkommen, obwohl sie mathematisch exakt so wahrscheinlich sind wie jede andere Folge derselben Länge. Unser Gehirn ist evolutionär darauf trainiert, Muster zu erkennen und Regelmäßigkeiten zu misstrauen – ein Instinkt, der in freier Wildbahn nützlich war, am Spieltisch aber systematisch in die Irre führt.
Die zentrale Lehre
Die Komplexitätstheorie liefert damit eine präzise mathematische Sprache für etwas, das wir intuitiv schon ahnen: Zufälligkeit ist nicht binär (zufällig oder nicht), sondern hat Grade. Für die praktische Beschäftigung mit Glücksspielen wie Roulette bedeutet das vor allem eines: Jede beobachtete Zahlenfolge – egal wie "auffällig" oder "regelmäßig" sie erscheint – ist für sich genommen genau gleich wahrscheinlich wie jede andere. Die Versuchung, in kurzen Serien ein Muster zu erkennen, ist menschlich zutiefst nachvollziehbar – mathematisch aber ein Trugschluss, dem eine seriöse Analyse konsequent widerstehen muss.
